Buchtipp: Mauricio Borinski – Arschloch

Über fünf Jahre hat Mauricio Borinski an seinem Erstling “Arschloch!” geschrieben. Viel Vor- und Nachbereitung, Recherche und Hirnschmalz stecken in diesem lesenswerten Buch, dass Anfang August erschienen ist.

Münster, die Stadt des Westfälischen Friedens Anfang 2005. Die Stadt wurde soeben mit dem Livcom-Award als die lebenswerteste der ganzen Welt prämiert: ein Paradies für Radfahrer, holländische Einkaufstouristen und junge Familien. Ein Fünftel der Einwohner sind Studenten, für manche Einwohner ist Münster eigentlich ein Kurort.

In dieser heilen Welt – hier ist das schlimmste denkbare Übel der Studenten die üble Prokrastination; Münstertatort- und Wilsberg-Zuschauer kennen sie aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen – spielt Mauricio Borinskis Erstlingswerk ARSCHLOCH!

Moritz Becker, das Arschloch, führt hier ein extremes Doppelleben zwischen Karrieregeilheit und Gewaltphantasien, die er mit der Grausamkeit eines zurückgebliebenen Kindes nach und nach in die Realität umsetzt. Da seine private Erfahrungswelt und seine öffentlichen Darstellung in keinster Weise miteinander übereinstimmen, erinnert der Kernkonflikt dieses Romans ansatzweise an „American-Psycho“ von Bret Easton Ellis, „Fightclub“ von Chuck Palahniuk oder „Drecksau“ von Irvine Welsh (engl. Originaltitel „Filth“, dt. Schmutz). Jeder, der diese Erzählungen mochte, wird Arschloch! mögen. Dennoch ist Borinski mit seiner Geschichte ein solider deutschsprachiger Roman über Doppelmoral und Persönlichkeitsspaltung in einer vernetzten, unverbindlichen wie unpersönlichen Konsumgesellschaft gelungen, ohne dass der Text konstruiert oder literarisch gekünstelt wirkt. Arschloch! fördert authentisch die grotesken Schmuddelecken unseres Alltags zu Tage, die wir sonst so scheinheilig überdecken. Viele in der Öffentlichkeit der Medien kontrovers behandelten Themen wie Mobbing, Sex- und Internetsucht, Fernsehen, Naturkatastrophen, Gewaltverherrlichung und die Bürden des Kapitalismus sind in diesem gut und schnell lesbaren Buch sprachlich und erzählerisch ansprechend verwoben. Mit Galgenhumor hinterfragt Borinski unsere Gesellschaft: Muss man darin nicht verrückt werden?!

Arschloch! ist ein bemerkens- und vor allem lesenswerter Roman, dem nichts ferner liegt, als die gehypten und doch nichtssagenden Texte der deutschen Literatur-Superstars der vergangenen Jahre. Endlich mal ein Buch, bei dem es nicht um den Autor geht! Es ist ein Buch, das wie kühles Zaziki an einem heißen Sommertag schmeckt: würzig und zutiefst erfrischend. Sehr empfehlenswert :D

Erschienen ist Arschloch! im Periplaneta-Verlag aus Berlin.